Dominik Eulberg, Foto © Natalia Luzenko
Dominik Eulberg hat ist vielen bekannt als Techno-Produzent und DJ. Andere kennen ihn durch seine „Biodiversitäts-Shows“. Denn er ist nicht „nur“ Musiker – sondern auch studierter Ökologe. Seine beiden Leidenschaften Natur und Musik verbindet er permanent: In seinen Kompositionen kommen häufig Naturgeräusche und Vogelstimmen vor, seine Biodiversitäts-Shows sind umgekehrt auch durch seine Musik geprägt. Er setzt sich außerdem für unzählige Projekte rund um die Natur ein – und ist seit Juli 2026 Botschafter für UrbanWild.
Du bist deutschlandweit bekannt als der „ravende Ökologe“. Wie kommt es, dass du Natur und Musik so sehr miteinander verbindest?
Ich sublimiere seit jeher meine tiefe Naturverbundenheit in Musik, Kunst und Wissenschaftskommunikation. Für mich gab es diese Trennung eigentlich nie. Ich bin im Westerwald aufgewachsen und habe als Kind unzählige Stunden draußen verbracht und die großartigeste Künstlerin von allen, Mutter Natur, erforscht – lange bevor Musik mein Beruf wurde. Ich studierte dann Ökologie, da mich die unglaubliche Komplexität der Natur so faszinierte. Als Musiker und Künstler suche ich nach Emotionen und Schönheit. Beides ergänzt sich perfekt. Musik erreicht Menschen unmittelbar, während Natur oft erst durch Geschichten und Wissen, um den Erfahrungshorizont zu weiten, ihre ganze Faszination entfaltet. Genau diese beiden Welten versuche ich miteinander zu verweben. Mein Bestreben ist es, Kunst und Kultur als niederschwellige Vektoren zu nutzen und zugleich die Natur als Inspirationsquelle für mein künstlerisches Schaffen zu begreifen.
Welche Rolle kann deine Musik dabei spielen, Menschen für die Natur zu begeistern?
Musik kann Türen öffnen, die Fakten allein oft verschlossen lassen und sie kann das Unaussprechliche ausdrücken. Wenn Menschen zunächst emotional berührt werden, entsteht Neugier. In meinen Konzerten und Biodiversitäts-Shows verbinde ich Musik mit spektakulären Naturaufnahmen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Geschichten über Tiere, Pflanzen und Ökosysteme. Mein Ziel ist nicht, mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, sondern Begeisterung zu wecken. Denn was wir lieben, sind wir auch bereit zu schützen. Zudem versuche ich, alles lustvoll zu gestalten, denn das Lustvolle ist der Motor der Evolution. Wird man zu dystopisch oder alarmistisch, kann sich schnell ein lähmender Defätismus breitmachen oder eine Ignoranz gegenüber den Fakten entstehen.
Du lebst selbst mitten in der Natur im Westerwald und hast da sogar eigene Naturschutz-Flächen. Wie wild ist es dort?
Ich habe das große Glück, mitten in einer noch recht artenreichen Landschaft zu leben. Rund um mein Zuhause befinden sich Seen, Feuchtwiesen und zahlreiche Kleingewässer. Gemeinsam mit meiner Frau erwerben wir nach und nach Flächen, um sie langfristig für den Naturschutz zu sichern und möglichst naturnah zu entwickeln. Dort begegnen mir regelmäßig Schwarzstörche, Rotmilane, seltene Schmetterlinge, wie der Dunkle Ameisen-Wiesenknopfbläuling, oder andere spannende Insektenarten. Diese unmittelbare Nähe zur Natur ist für mich tägliche Inspiration, wissenschaftlich wie musikalisch.
Dunkler Wiesenknopf Ameisenbläuling
Dominik Eulberg mit den Zwergzebus, die er beim Nachbarn als Ökosystemingenieure ausgeliehen hat
Erreichst du mit deinen Biodiversitäts-Shows auch Menschen, die sich vorher gar nicht so richtig für Natur interessiert haben?
Genau das ist tatsächlich eines meiner wichtigsten Ziele. Ich versuche, die Bühnen, die mir als arriviertem Künstler geboten werden, zu nutzen, um neue Sensibilisierungsgruppen zu erschließen. Die Wiesen, auf denen man noch nie war, sind ja bekanntlich die saftigsten. Viele Besuchende kommen ursprünglich wegen der Musik und gehen wohlmöglich mit einem neuen Blick auf die Natur nach Hause. Nach den Veranstaltungen erzählen mir Menschen, dass sie zum ersten Mal bewusst Vogelstimmen wahrnehmen, Schmetterlinge unterscheiden möchten oder ihre Grundstücke naturnaher gestalten. Ich bin der Überzeugung, dass Wissenschaft, wenn sie emotional vermittelt wird und zugleich unterhaltsam ist, Menschen weit über die klassische Naturschutzszene hinaus erreicht. Außerdem biete ich auf vielen großen Musikfestivals wie dem Fusion Festival, der Wilden Möhre oder dem Klangtherapie Festival naturkundliche Exkursionen an, etwa Vogelstimmenwanderungen, Schmetterlingsexkursionen oder Fledermausführungen. Für viele Besuchende ist es etwas ganz Besonderes, zunächst zu meinem DJ-Set zu tanzen und anschließend gemeinsam mit mir die Natur zu erkunden, wie mir berichtet wird. Gerade dieser Perspektivwechsel schafft oft einen sehr persönlichen und nachhaltigen Zugang zur Biodiversität.
Wir stecken mitten in einer Biodiversitätskrise unbekannten Ausmaßes. Worin liegt deiner Meinung nach der größte Hebel, um dagegen anzugehen?
Der größte Hebel liegt darin, Biodiversität überhaupt erstmal als Grundlage unseres eigenen Lebens zu begreifen und nicht als Luxusproblem; dass wir erst einmal begreifen, was das überhaupt bedeutet, da die Biodiversitätskrise im öffentlichen Diskurs meiner Meinung nach viel zu kurz kommt. Intakte Ökosysteme liefern sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung und Klimastabilität. Gleichzeitig brauchen wir eine umfassende Wiederherstellung von Lebensräumen. Dabei stellen wir immer deutlicher fest, dass wir, wenn wir an einem Ort eine intakte Biodiversität fördern wollen, zunächst verstehen müssen, wie der ursprüngliche Zustand dieser Landschaft aussah, bevor der Mensch sie veränderte. In Mitteleuropa waren das nach paläoökologischen Erkenntnissen eben keine undurchdringlichen Wälder. Vielmehr prägte ein eng verzahntes Mosaik aus Offenland, Gebüschen und lichten Baumsavannen die Landschaft. Wichtig ist es, die Ökosystemleistungen der verschwundenen Megaherbivoren als Landschaftsingenieure zu berücksichtigen. Diese großen Pflanzenfresser halten die Landschaft offen und schaffen damit Lebensräume für einen Großteil unserer Arten. Weniger als zehn Prozent der heimischen Tier, Pilz und Pflanzenarten können dauerhaft in geschlossenen Wäldern überleben. Ganzjährige wilde Weiden sind darüber hinaus wahre Insektenproduktionsmaschinen. Pro tausend Kilogramm Biomasse eines Großweidetieres entstehen jährlich etwa hundert Kilogramm Insektenbiomasse.
Was ist die wichtigste Botschaft, die du den Menschen mit deinem Engagement vermitteln möchtest?
Ich wünsche mir, dass Menschen wieder staunen. Die Natur ist voller unglaublicher Geschichten, genialer Anpassungen, unfassbarer Schönheit und dies direkt vor unserer Haustür. Doch wir nehmen nur das wahr, was wir kennen. Wer einmal erkennt, wie faszinierend ein Schmetterling, eine Fledermaus oder der Gesang der Vögel ist, entwickelt automatisch Wertschätzung. Naturschutz beginnt nicht mit Verzicht, sondern mit Begeisterung. Staunen ist für mich eine regelrechte Superkraft. In dem Moment, in dem wir staunen, tritt unser Ego einen Schritt zurück. Wir hören auf, uns ständig um uns selbst zu drehen, und erkennen, dass wir Teil eines viel größeren Ganzen sind. Dieses Gefühl von Verbundenheit schafft Demut, Respekt und Verantwortungsbewusstsein. Genau daraus entsteht der Wunsch, das zu bewahren, was uns in Erstaunen versetzt. Ich bin überzeugt: Wer das Staunen nicht verliert, verliert auch die Verbindung zur Natur nicht.
Wie sollten sich Städte deiner Meinung nach im Optimalfall entwickeln, damit Natur darin möglichst viel Platz findet?
Städte sollten künftig nicht gegen die Natur geplant werden, sondern gemeinsam mit ihr. Das bedeutet deutlich mehr Bäume, entsiegelte Flächen, naturnahe Parks, begrünte Dächer und Fassaden, artenreiche Wiesen statt monotoner Rasenflächen sowie Gewässer mit natürlichen Ufern. Wichtig ist außerdem, Lebensräume miteinander zu vernetzen, damit Tiere und Pflanzen sich ausbreiten und migrieren können. Davon profitieren nicht nur unzählige Arten, sondern vor allem wir Menschen: durch kühlere Städte, bessere Luft und eine höhere Lebensqualität.
Wenn du dir vorstellst, du würdest einen Track zu unserem Projekt produzieren: Welche Klänge aus Stadt und Natur würdest du einbinden?
Ich würde Vogelstimmen von klassischen Stadtbewohnern verwenden, die Gebäude gewissermaßen als Kunstfelsen nutzen, etwa Mauersegler, Hausrotschwanz, Uhu, Wanderfalke, Mehlschwalbe oder Straßentaube. Hinzu kämen heruntertransponierte Echoortungsrufe von Fledermausarten, die in der Stadt vorkommen. Diese würde ich in Noten und MIDI-Daten transkribieren, daraus Melodien entwickeln und sie mit anthropophonen Geräuschen verbinden, die positiv und konziliant konnotiert sind. Entscheidend wäre dabei, die Stadt nicht als Gegensatz zur Natur zu erzählen, sondern als Lebensraum für alle, für uns Menschen ebenso wie für Flora und Fauna, in dem beide miteinander in Einklang existieren. Ich würde ein sehr versöhnliches und wertschätzendes Musikstück schaffen, das dazu einlädt, zu begreifen, dass wir aus der anthropozentrischen Umwelt wieder eine Mitwelt werden lassen müssen, damit auch wir eine lebenswerte Zukunft haben.
Möchtest du uns noch etwas mitteilen, das wir dich nicht gefragt haben?
Ich glaube, wir unterschätzen oft, wie sehr positive Erlebnisse unser Handeln verändern können. Angst und Katastrophenmeldungen allein führen selten zu nachhaltigem Engagement. Begeisterung hingegen schon. Deshalb versuche ich mit allem, was ich mache, ob Musik, Vorträge, Bücher oder Ausstellungen, Menschen die Schönheit und den unermesslichen Wert der biologischen Vielfalt nahezubringen. Denn die größte Chance für den Naturschutz liegt darin, möglichst viele Menschen emotional mit der Natur zu verbinden. Nur was wir kennen und lieben, werden wir auch beschützen.
Ihr möchtet noch mehr über Dominik und seine Arbeit erfahren? Dann besucht seine Website!