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DeepDives, 29. Januar 2026

13 Minuten

Auf die gute Nachbarschaft?! Wie wir das Zusammenleben von Wildtieren und Menschen im urbanen Raum neu denken und gestalten können

Städte werden als Lebensraum immer wichtiger – und das nicht nur für uns Menschen. Längst sind Begegnungen mit Wildtieren auch im Stadtgebiet keine Seltenheit mehr. Und diese Form von StadtWildnis sorgt für Kontroversen. Welche Chancen liegen in einer friedlichen Koexistenz? Wie können wir Herausforderungen begegnen? Und was können wir von anderen Ländern über die Einstellung zu wilder Stadtnatur lernen? Dazu haben wir die Wildtier-Forscherin Katharina Kasper befragt.
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Katharina Kasper; Foto © Romain Coutelle
Katharina (Kathi) Kasper forscht zu Wildtierökologie und Koexistenz von Wildtieren und Menschen. Dabei spielen auf beiden Seiten emotionale und kulturelle Dimensionen wie Angst ebenso wie Neugier und Anziehung eine zentrale Rolle. Besonders gerne beschäftigt sie sich mit Arten, deren Verhältnis zu Menschen komplex und konfliktreich ist – etwa mit großen Raubtieren, aber auch mit gefährdeten Arten im Kontext von Biodiversitätskrise und Artensterben. Aktuell arbeitet sie zum Zusammenleben mit Wölfen in Europa, die durch ihre natürliche Ausbreitung und ihre starke Politisierung besonders spannende Forschungssubjekte sind. Ihre Arbeit führt sie dabei an einen der wildesten Orte Europas, das Institut für Säugetierforschung im polnischen Białowieża, ebenso wie in die größte Metropole Deutschlands, an das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Dieser Kontrast verweist zugleich auf ihre Forschungsperspektive, Natur und Kultur sowie Wildnis und Stadt weniger getrennt zu denken.

Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Koexistenz von Mensch und Wildtier. Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie diesbezüglich im urbanen Raum in Deutschland?

Städte lassen sich als soziale und kulturelle Labore für Koexistenz verstehen. Sie verbinden eine hohe räumliche Verdichtung von Menschen mit einer großen Vielfalt an Lebensrealitäten, Biografien und Vorstellungen von Natur. Solche Begegnungsstätten machen Aushandlungsprozesse über Konflikte, Gewöhnung und Akzeptanz von Wildtieren nicht nur unvermeidlich, sondern auch besonders sichtbar.

Mit weitgehender Entscheidungsmacht des Menschen werden Wildtiere aktiv geduldet, reguliert oder ausgeschlossen. In Deutschland ist diese Haltung historisch und kulturell geprägt, unter anderem durch ein christlich geformtes Verständnis menschlicher Dominanz über die Natur. Gleichzeitig sind wir zunehmend inspiriert von Möglichkeiten, Koexistenz kreativ zu gestalten und Zusammenleben neu zu denken – besonders in international geprägten Städten. Was ist eigentlich Natur? Und wie verorten wir uns selbst darin? Wie wir mit Wildtieren umgehen, hängt wesentlich von diesen Vorstellungen ab und wird normativ ausgehandelt.

Ein beispielhafter Ausdruck für solche Sichtweisen ist der Umgang mit Fürsorge und Vermenschlichung von Wildtieren. Viele Menschen begegnen Wildtieren in Städten mit guten Absichten – etwa durch Füttern oder vermeintliche Rettungsaktionen. Solche Praktiken können das Gefühl von Naturverbundenheit stärken, sind für die Tiere aber nicht immer hilfreich. Oft liegt ihnen die Annahme zugrunde, dass alles, was nicht im Wald lebt, keinen geeigneten Lebensraum habe. Dabei kann sich ein Igel unter einer Hecke neben einer Straße durchaus sicher fühlen, gerade weil er diesen Ort kennt. Auch sogenannte Kulturfolgerarten1 zeigen, wie anpassungsfähig Wildtiere in urbanen Lebensräumen sein können. Ein Jungvogel, zum Beispiel ein Haussperling, der beim Flüggewerden kurzzeitig auf dem Boden sitzt, braucht nicht unbedingt Hilfe; auch die Elterntiere haben ihre Gründe, ihn aus dem Nest zu stoßen. Eine Stockente benötigt keine zusätzliche Nahrung – sie findet in städtischen Teichen selbstständig alles, was sie zum Überleben braucht.

Hinzu kommen normative Bewertungen von Arten, die sich in Städten besonders deutlich zeigen. Eichhörnchen oder Singvögel gelten oft als schützenswert und werden positiv wahrgenommen, während Ratten oder Tauben häufig eher als störend empfunden werden. Solche Unterschiede sind selten ökologisch begründet; sie spiegeln vielmehr kulturelle und emotionale Vorstellungen wider. Man kann von einem urbanen Speziesismus sprechen, der darüber entscheidet, welche Arten wir willkommen heißen und welche wir eher ausgrenzen.

Städte sind so besondere und zentrale Orte für das Lernen über Mensch-Wildtier-Koexistenz. Sie zeigen nicht nur die Herausforderungen, sondern auch riesige Chancen: als Reflexionsflächen für Naturbilder, dafür, unter welchen Bedingungen Zusammenleben gelingt und wo noch nachjustiert werden kann. Und wie daraus neue Formen des Miteinanders entstehen, die Impulse weit über die Stadtgrenzen hinaus geben.

Dieses Jahr erschien Ihre neue Veröffentlichung zum Biodiversitätsmonitoring in Berlin. Womit genau haben Sie sich darin befasst?

Meine:n Kolleg:innen vom Museum für Naturkunde Berlin und mir fiel auf, dass es sowohl auf globaler Ebene – mit dem UN-Biodiversitätsziel 12 zur biodiversitätsinklusiven Stadtentwicklung – als auch lokal mit der Berliner Biodiversitätsstrategie vielversprechende Ansätze zum Schutz urbaner Biodiversität gibt. Gleichzeitig fragten wir uns, ob Fortschritte überhaupt nachvollziehbar sind und die damit verbundenen Berichtspflichten realistisch erfüllt werden können.

Unsere Studie, die von meinen Kolleg:innen federführend umgesetzt wurde, untersuchte deshalb am Beispiel Berlins, welche Daten zur Beobachtung – von Arten über Populationen bis hin zu Ökosystemen – verfügbar sind. Dafür haben wir erstmals alle auffindbaren Zeitreihen systematisch erfasst und kartiert, um einen Überblick zu gewinnen, Lücken zu identifizieren und zu prüfen, ob die vorhandenen Daten geeignet sind, um den Status der Berliner Biodiversität zu erfassen und Entwicklungen nachzuvollziehen.

Während die Urbanisierung weltweit weiter voranschreitet und Landflächen zunehmend vom Menschen genutzt werden, zeigt sich, wie entscheidend Koexistenz zwischen Mensch und Natur ist, um Biodiversitätsverlust zu verlangsamen – eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Überraschenderweise tragen auch Städte wichtige Schlüsselelemente des globalen Biodiversitätsschatzes, selbst wenn viele Arten in Städten keinen passenden Lebensraum finden. Um die Bedeutung urbaner Räume für Biodiversität zuverlässig einschätzen zu können, braucht es daher ein vorausschauendes Monitoring, das die städtische Umwelt kontinuierlich im Blick behält.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Mit großem Engagement und viel Vernetzung konnten wir fast 90 Biodiversitäts-Datensätze für Berlin zusammenstellen. Die meisten davon erfassen vor allem Artenvorkommen und -häufigkeiten, während andere Aspekte von Biodiversität, wie genetische Vielfalt oder Ökosystemfunktionen, bislang stark unterrepräsentiert sind. Pflanzen, Vögel und Säugetiere sind vergleichsweise gut dokumentiert, während die Vielfalt von Arthropoden, Mikroorganismen und Bodenlebewesen methodisch schwieriger zu erfassen ist und bisher kaum berücksichtigt wurde.

Eine weitere große Lücke betrifft die Verbindung von Biodiversität mit menschlicher Gesundheit und Wohlbefinden. Laut UN-Biodiversitätsziel 12 ist genau das ein zentraler Punkt. Naturnahe, vielfältige Städte sollen nicht nur Lebensräume für Arten bieten, sondern auch das Wohlbefinden der Menschen fördern. Dafür fehlen bisher aber noch geeignete Indikatoren und Langzeitdaten.

Insgesamt zeigt sich, dass wir besser vernetzte, standardisierte Datensätze brauchen, deren Erhebung idealerweise institutionell abgesichert ist. Berlin verfügt bereits über viele wertvolle Daten und zeigt im Vergleich zu anderen Städten großen Einsatz für eine biodiversitätsfreundliche Stadtentwicklung. Dennoch reichen die bestehenden Daten in ihrer aktuellen Form nicht aus, um den Erfolg dieser Maßnahmen umfassend zu bewerten.

Stadtnatur systematisch zu beobachten, gilt als schwierig – weshalb ist das so?

Das ist aus mehreren Gründen eine riesige Herausforderung. Biodiversitätsdaten werden auf sehr unterschiedliche Weise erhoben und gespeichert – in verschiedenen Formaten, mit unterschiedlichen Methoden und zu unterschiedlichen Zwecken. Sie liegen verstreut bei Fachstellen und Ämtern, wissenschaftlichen Einrichtungen, Projekten und Initiativen und bei Privatpersonen. Eine beeindruckende Datenmenge bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Daten auch vergleichbar oder integrierbar sind – weder innerhalb einer Stadt wie Berlin noch im Vergleich mit anderen Städten oder Landschaftsformen. Oft erfordert es enorme Anstrengungen, die verschiedenen Datensätze überhaupt erst in Einklang zu bringen.

Hinzu kommt, dass man die Wichtigkeit von Ehrenamtlichen und Citizen-Science-Initiativen kaum überschätzen kann. Rund 60 % der Beobachtungen werden von Freiwilligen getragen. Diese Arbeit ist unverzichtbar, zeigt aber auch strukturelle Probleme von fehlender langfristiger Finanzierung und institutioneller Absicherung auf. Außerdem ist ein Rückgang spezialisierter Fachpersonen zu beobachten, die für komplexe Artenbestimmungen oder methodisch anspruchsvolle Erhebungen notwendig wären.

Stadtnatur systematisch zu beobachten ist damit vor allem eine organisatorische Herausforderung. Ohne zentrale Koordinierung, abgestimmte Methoden und langfristige Unterstützung bleibt es schwierig, belastbare Aussagen über Biodiversität in Städten zu treffen.

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Berliner Friedhöfe sind wichtige Klimapuffer und Refugien für vielerlei Wildtiere in der Stadt. Foto © Kathi Kasper

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung auch viel mit großen Beutegreifern, wie zum Beispiel dem Wolf. Seine Rückkehr ist ja auch in Deutschland ein heiß diskutiertes Thema. Glauben Sie, dass die Rückkehr des Wolfs unsere Vorstellung von „StadtWildnis“ beeinflusst?

Definitiv ja. Die Fragen von Koexistenz und Konflikt, die wir in Städten beobachten, tauchen auch bei der Debatte um Wölfe auf. Wölfe selbst werden in Städten selten gesichtet, doch ihre Rückkehr bringt uns dazu, neu zu überlegen, wo wir Wildnis zulassen wollen und können. Dabei polarisieren die Meinungen besonders stark: Für manche sind Wölfe das Symbol für wilde Natur und funktionierende Ökosysteme, für andere repräsentieren sie Sicherheitsrisiken und den Kontrollverlust über die deutsche Kulturlandschaft. Allerseits jedoch rückt dabei in den Vordergrund, zu reflektieren, ob und unter welchen Bedingungen ein Zusammenleben mit Wildtieren gelingt, wo Grenzen liegen und welche Kompromisse nötig sind. Mit der Rückkehr der Wölfe werden auch Städte zu lebendigeren Bezugspunkten dafür, welche Werte wir mit Wildnis verbinden und welche Bedeutung wir ihr geben.

Gleichzeitig zeigen Wölfe ihrerseits inspirierende Strategien für Koexistenz und Verhaltensanpassung. In meiner Doktorarbeit haben mein Team und ich experimentell untersucht, wie Wölfe im geteilten Lebensraum mit Menschen umgehen. Mit Lautsprechern haben wir menschliche Stimmen abgespielt, um direkte Begegnungen zu simulieren, und die Reaktionen der Wölfe mit automatisch auslösenden Kameras gefilmt. Die Ergebnisse legen nahe, dass selbst streng geschützte Wölfe eine grundlegende Angst vor Menschen behalten und lieber auf Abstand gehen, obwohl ihnen keine Gefahr droht. Statt ihre Angst vor ihren menschlichen Nachbarn abzulegen, lernen sie, geschickt einzuschätzen, wann und wo sie am wahrscheinlichsten anzutreffen sind, und passen ihr Verhalten entsprechend an. In stark genutzten Landschaften wie in Deutschland verlagert sich dadurch ihre Aktivität zunehmend in die Nacht (zur Studie). Die Nähe zu Menschen und urbanen Räumen suchen sie aller Wahrscheinlichkeit nach nur, wenn sie positiv konditioniert wurden, zum Beispiel durch bewusstes oder unbewusstes Füttern.

Die Situation um Wölfe macht es sehr deutlich, aber auch bei Stadtwildtieren gilt: Koexistenz ist immer wechselseitig zu verstehen. So wie Wildtiere ihr Verhalten an uns anpassen, haben auch wir die Chance, achtsam und respektvoll von ihnen zu lernen und mit ihnen zu leben.

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Wölfe reagieren auf Stimmen von Menschen deutlich ängstlicher als auf die, anderer Tiere. Das haben Kathi und ihr Team herausgefunden, indem sie diese über Lautsprecher abgespielt und dann die Reaktionen der Wölfe gefilmt haben. Foto © Dries Kuijper
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Wie Menschen, nutzen Wölfe gerne Wege, um sich möglichst effizient fortzubewegen. Foto © Institut für Säugetierforschung, Polnische Akademie der Wissenschaften
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Eine Rothirschkuh erkundet die Möglichkeiten einiger Hausabfälle. Foto © Institut für Säugetierforschung, Polnische Akademie der Wissenschaften

In Städten halten sich nicht nur Wildtiere auf – frei laufende Hunde und natürlich auch Katzen sind im städtischen Raum weltweit Alltag. Welche Auswirkungen haben sie auf die heimische Tierwelt und was können Tierhalter:innen konkret tun, um Stadtnatur zu schützen, ohne ihre Tiere einzuschränken?

Hunde und Katzen gehören längst zu unseren Städten, doch selbst die kleinste Hunderasse trägt noch die Gene ihrer Raubtiervorfahren in sich. Hunde stammen von Wölfen ab, Katzen vermutlich von ägyptischen Falbkatzen. Katzen jagen unabhängig von Hunger und fangen pro Jahr oft zwischen einigen zehn und über hundert kleinere Tiere, während Hunde seltener jagen, aber empfindliche Lebensräume durch Störungen beeinträchtigen können. Das Bewusstsein, dass unsere Haustiere Raubtiere sind, schärft unseren Blick auf das Zusammenleben mit Wildtieren und macht uns die damit verbundene Verantwortung bewusst.

Wer weiß, wann und wo Wildtiere besonders verletzlich sind, kann schon mit kleinen Anpassungen viel bewirken. Dazu gehört etwa, Hunde-Routen zeitweise so zu gestalten, dass sensible Brut- und Setzzeiten respektiert werden, oder Katzen an ein Katzengeschirr beziehungsweise beuteabschreckende Halsbänder zu gewöhnen. Auf diese Weise lassen sich Konflikte mit Wildtieren minimieren, ohne den Alltag mit Haustieren einzuschränken.

Ich finde, das Zusammenleben von Haus- und Wildtieren braucht vor allem Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, nicht Einschränkung. Vielleicht lässt sich ja das Prinzip, nach dem wir Menschen untereinander leben wollen, auch auf unsere nicht-menschliche Umgebung übertragen: freie Entfaltung, solange niemand anderem geschadet wird.

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Hauskatzen begegnen Wildtieren. Fotos © Institut für Säugetierforschung, Polnische Akademie der Wissenschaften

Sie haben unter anderem in Asien geforscht. Was könnte Europa von Ländern wie Indien, Malaysia oder Vietnam in Bezug auf Natur in der Stadt lernen?

Die Diversität kultureller Perspektiven eröffnet spannende Einblicke darin, wie Menschen sich gegenüber nicht-menschlichem Leben positionieren. Gerade Städte bilden da ein Extrem. Sie stehen für menschliche Dominanz, Verdichtung und Kontrolle. Doch genau darin liegt auch ein Paradox. Wo Natur weitgehend kontrolliert wird, ist ihre Präsenz oft eine bewusste Entscheidung – und damit Ausdruck von Akzeptanz, Toleranz und Wertschätzung.

Was als schön, störend oder schützenswert gilt, ist stark kulturell geprägt. In Berlin bleiben wir stehen, wenn wir den Gesang einer Nachtigall hören oder einen Reiher am Teich beobachten. In Kuala Lumpur schaut man mit Stolz darauf, dass urbane Flüsse inzwischen sauber genug sind, um wieder Otter zu beherbergen. In Bangkok sind Warane in Parks tief im Alltagsverständnis verankert. Die Präsenz bestimmter Arten wird so zum Spiegel dessen, welchen Raum wir anderen Lebewesen zugestehen.

Europa könnte von vielen asiatischen Städten eine Scheibe abschneiden, den Anspruch auf vollständige Kontrolle ein Stück weiter loszulassen. Koexistenz entsteht dort häufig pragmatisch und alltagsnah. Was wir tolerieren, ist dabei oft auch eine Frage der Gewohnheit. In vielen Kontexten haben wilde Lebewesen eine kulturelle, religiöse oder moralische Bedeutung, die Toleranzräume eröffnet – auch für Arten, die nicht immer bequem sind. Das kann sicher helfen, Natur weniger rein funktional oder utilitaristisch zu betrachten. Wir können lernen, stolz darauf zu sein, bestimmten Arten Raum zu geben und sie bewusst zu schützen. Die zunehmende Anlage von Blühflächen in europäischen Städten ist ein gutes Beispiel dafür. Sie zeigt, dass sich viele Menschen Wildbienen und andere Insekten aktiv zurückwünschen – und bereit sind, Stadtbilder dafür zu verändern. Vielleicht lohnt es sich, noch stärker darüber nachzudenken, welche Arten wir in unseren Städten vermissen – und was nötig wäre, um sie wieder willkommen zu heißen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Stadtnatur in Deutschland?

Ich wünsche mir, dass Stadtnatur nicht nur geduldet, sondern als Teil des städtischen Lebens anerkannt wird. Menschen und Wildtiere – einschließlich unserer Haustiere – teilen die Stadt als Lebensraum, und dieser lässt sich bewusst so gestalten, dass unterschiedliche Bedürfnisse ihren Platz finden. Für die Zukunft wünsche ich mir eine Stadtnatur, die vielfältig und widerstandsfähig ist und einen reflektierten Umgang auch mit Arten, die wir als schwierig wahrnehmen. Dabei hilft es, unsere eigenen Wertungen zu hinterfragen und mehr über ökologische Zusammenhänge zu lernen. Städte können so Orte werden, an denen Koexistenz nicht nur gefordert, sondern praktisch gelernt wird – als wechselseitiger Prozess.

Gibt es noch etwas, das Sie uns gerne mitgeben möchten?

In Städten können wir lernen, miteinander umzugehen und zusammen zu finden. Koexistenz ist dabei kein abstraktes Ideal, sondern etwas sehr Alltägliches. Durch aufmerksames Beobachten von Wildtieren zum Beispiel, können wir uns dessen sehr bewusst werden und zugleich viel über ihre Bedürfnisse lernen. Oft ist es sinnvoller, geeignete Räume und Strukturen zu schaffen, als aktiv einzugreifen oder zu füttern. Ich denke, so lässt sich Koexistenz begreifen und üben – vom Spatz vor unserer Haustür bis weit darüber hinaus.
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Damhirsch auf verschneitem Waldweg. Foto © Kathi Kasper

1Kulturfolger: Kulturfolger sind Tier- oder Pflanzenarten, die in der vom Menschen besiedelten und veränderten Umwelt geeignete Lebensbedingungen vorfinden und ihm deshalb in seine Kulturlandschaft folgen.

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