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DeepDives, 10. September 2026

15 Minuten

Fragen statt Antworten: Warum Wildnispädagogik im Kopf beginnt

Als Wildnispädagoge begleitet Paul Wernicke seit über 20 Jahren Menschen dabei, sich wieder stärker mit der Natur verbunden zu fühlen. In diesem Gespräch erklärt er, warum gerade Städte voller wilder Entdeckungen stecken, weshalb Fragen oft wichtiger sind, als Antworten und wie ein Moment bewussten Zuhörens an der Bushaltestelle unseren Blick auf die Welt verändern kann.
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Paul Wernicke, Foto © Jan Sobotka

Paul Wernicke ist Wald- und Naturführer und begleitet seit über 20 Jahren Menschen dabei, wieder in Kontakt mit der Natur zu kommen. Er gründetet die Wildnisschule Hoher Fläming, ist Buchautor und seit 2022 auch Host der Sendung „Fantastische Tierwelten" auf RadioEins. Als Spurenleser und Naturschützer engagiert sich Paul im Wolfs- und Wildkatzenmonitoring im Hohen Fläming. Sein leidenschaftliches Interesse gilt  vor allem auch der heimischen Vogelwelt.

„Ich liebe es, draußen zu sein und jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Noch schöner wird es, wenn ich das mit anderen Menschen teilen darf.“

Du arbeitest als „Wildnispädagoge“. Was bedeutet „Wildnispädagogik“ eigentlich?

Wildnispädagogik ist ein Begriff, der in den 90er Jahren entstanden ist seinen Ursprung in Nordamerika in der Naturverbindungs-Szene (dort Nature Connection Scene). In Deutschland hat sich daraus ein eigenes Label entwickelt, inklusive Ausbildung, Zertifikaten und dem pädagogischen Zusatz. Der Begriff ist hierzulande stark verbreitet, auch wenn er so in anderen Ländern kaum genutzt wird.

Ich selbst habe ein ambivalentes Verhältnis zu dem Begriff. Einerseits nutze ich ihn, weil er sich etabliert hat und Orientierung bietet – gerade für Institutionen wie Kitas oder Bildungsträger. Andererseits ist „Wildnis“ in Deutschland ein schwieriger Begriff, weil wir hier reine Kulturwirtschaft haben und das bisschen Nationalpark, was wir haben, ist ja am Verwildern, aber es ist nicht wirklich Wildnis. Dann ist der Wildnisbegriff per se auch schwierig, weil er negativ besetzt ist: Laut Definition des Dudens ist Wildnis etwas Bedrohliches, etwas Menschenleeres, Ungepflegtes, Ungezähmtes. Dabei waren diese sogenannten „Wildnislandschaften“ historisch fast immer bewohnt und gepflegt, etwa von indigenen Gemeinschaften in Nordamerika, die über Jahrtausende im Einklang mit ihrer Umgebung gelebt und sie aktiv gestaltet haben.

Was wir heute Wildnispädagogik nennen, würde ich eher als Naturverbundenheitsarbeit oder Naturverbindungsarbeit bezeichnen. Und ich sehe Wildnispädagog:innen als Verbindungsknüpfende. Wir verknüpfen Menschen mit bestimmten Naturphänomenen oder bieten ihnen Möglichkeiten an, diese Verknüpfung selber zu machen. Es geht also darum, einen Zugang zur Natur zu bieten und wieder mit ihr in Kontakt zu treten und damit auch über reine Wissensvermittlung hinaus.

Was unterscheidet Wildnispädagogik von klassischer Umwelt- oder Naturerlebnisnaturpädagogik?

Zunächst einmal ist mir wichtig zu sagen: Wir sitzen alle im selben Boot. Ob Umweltbildung oder Naturschutz, beide bedingen einander. Du kannst keinen Naturschutz ohne Umweltbildung und keine Umweltbildung ohne Naturschutz machen. Wir sollten alle am gleichen Strang ziehen: Nämlich das, was noch da ist, zu erhalten. Und ebenso gucken, wie wir unsere Haltung, unseren Umgang mit der Natur so ändern, dass eine Koexistenz oder eine Nachhaltigkeit oder resiliente Landschaften wieder entstehen können und dass dies der immer weiter entstehende Entfremdung und Entfernung entgegenwirkt. Deshalb halte ich eine Trennung dieser Bereiche ich oft für künstlich und wenig hilfreich. Denn die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind längst real, die Uhr tickt ziemlich laut.

Jede Herangehensweise hat andere Qualitäten und der Fokus der Wildnispädagogik liegt auf der Naturverbindung. Uns geht es nicht darum, dass Menschen Arten korrekt benennen können, sondern dass sie ihre Haltung verändern. Dass sie beginnen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen, jenseits einer rein anthropozentrischen Weltsicht.

Unser Ansatz ist es, Räume zu schaffen, in denen Lernen leicht, freudvoll und oft fast unbemerkt geschieht. Im Zentrum steht ein Beziehungsdreieck: die Verbindung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Natur. Diese Fähigkeit zur Verbindung war evolutionär unser größter Überlebensvorteil und sie ist es bis heute.

Warum sind direkte Naturerfahrungen für Kinder und Erwachsene gerade in Städten heute so wichtig?

Naturverbindung ist nichts, was wir einmal erreichen und dann dauerhaft besitzen. Sie ist ein lebendiger Prozess, den wir immer wieder aktiv erleben und pflegen müssen. Gerade in der Stadt kann das besonders eindrucksvoll sein: Viele Menschen glauben, dort gäbe es nur Tauben oder Spatzen. Wenn sie genauer hinschauen, entdecken sie plötzlich eine erstaunliche Vielfalt an Pflanzen und Wildtieren und beginnen, ihre Umgebung mit anderen Augen wahrzunehmen. Die Natur hat sich in Städten in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt. Viele Arten kommen hier inzwischen besser zurecht als außerhalb, manche Populationen sind in Städten besonders dicht. Wenn unsere Aufmerksamkeit einmal darauf gerichtet ist, sind wir oft erstaunt, wie viel Wildnis uns bereits umgibt mitten in der Stadt.

Naturverbindung gehört für mich zum Menschsein. Jeder von uns bringt diese Fähigkeit mit, doch sie muss genutzt werden, damit sie im Alltag lebendig bleibt. Sie stärkt nicht nur unsere Beziehung zur Natur, sondern auch zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen. Genau dieses Zusammenspiel ist entscheidend, denn als Menschen sind wir auf Verbindung und Zusammenarbeit angewiesen.

Dass Natur uns guttut, ist heute auch wissenschaftlich gut belegt. Studien zeigen, dass Aufenthalte in der Natur Stress reduzieren, das Wohlbefinden steigern und die psychische Gesundheit fördern. Besonders wirksam wird dieser Effekt, wenn wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf die Natur richten – etwa auf Vogelstimmen oder Pflanzen – und diese Erfahrungen gemeinsam mit anderen machen. Genau solche Momente schaffen Räume, in denen Menschen zur Ruhe kommen, neugierig werden und sich wieder als Teil der Natur erleben können.

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Einblicke in die Arbeit von Paul Wernicke in seiner Wildnisschule Hoher Fläming. Fotos © Lukas W. und Meiko Herrmann.

Welche Qualitäten sollte StadtWildnis haben, damit echte Naturerfahrung möglich wird?

Zunächst braucht es Menschen vor Ort. Vereine, Initiativen oder engagierte Einzelpersonen, die sich um solche Orte kümmern, sie erhalten und mit Leben füllen. Diese Menschen sind entscheidend, weil sie Verantwortung übernehmen, andere einbinden und Orte langfristig schützen.

Gleichzeitig sollten wir unseren Blick weiten: Stadtwildnis findet nicht nur in ausgewiesenen Schutzgebieten statt. Brachen, Bahngleise, Hinterhöfe oder Baustellen sind oft hochspannende Wildnisräume. Gerade solche Übergangsräume bieten Lebensraum für viele sogenannte Pionierarten. Sie kommen, nutzen die Fläche und verschwinden wieder. Diese Dynamik gehört zur urbanen Wildnis dazu und sollte stärker anerkannt werden.

Eine weitere zentrale Qualität ist gesellschaftliches Bewusstsein. Stadtwildnis braucht Akzeptanz. Das Verständnis, dass diese Orte wertvoll und schützenswert sind. Öffentlichkeitsarbeit und Bildung spielen hier eine große Rolle, um Konflikte zu vermeiden und Missverständnisse abzubauen. Denn trotz eines insgesamt hohen Umweltbewusstseins gibt es parallel immer noch viel Ignoranz und Desinteresse.

Und schließlich braucht es Menschen, die Zugänge eröffnen. Orte werden erst dann zu Erfahrungsräumen, wenn jemand zeigt, wie man sie entdecken kann – auch im Kleinen, im Alltag, in wenigen Minuten. Naturerfahrung darf keine Frage von Zeit, Vorwissen oder Wochenendseminaren sein. Ideal wäre es, wenn es in jedem Stadtteil Ansprechpersonen gäbe, die genau das vermitteln, wie z.B. eine:n Wildnispädagog:in.

Welche Kompetenzen oder Haltungen werden durch Wildniserfahrung besonders gefördert?

Wildniserfahrungen fördern für mich vor allem Achtsamkeit, Freude und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Wer regelmäßig Zeit in der Natur verbringt, lernt genauer hinzuschauen und zu verstehen, dass es selten nur den einen richtigen Blick auf die Welt gibt. Dadurch wächst nicht nur das Verständnis für ökologische Zusammenhänge, sondern auch für andere Menschen und ihre Perspektiven. Gleichzeitig stärkt Natur die Verbindung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zur Umwelt – ein Dreiklang, der für mich die Grundlage eines gelingenden Miteinanders bildet.

Besonders wichtig ist dabei der spielerische Zugang. Oft erschweren wir Lernen durch zu viel Ernst oder Moral. Dabei sind Freude, Neugier und Entdecken der Schlüssel, um eine echte Beziehung zur Natur aufzubauen. Kinder bringen diese Offenheit meist ganz selbstverständlich mit, Erwachsene können sie wiederentdecken. Wer draußen positive Erfahrungen macht, entwickelt den Wunsch, immer wieder hinauszugehen.

Natur vermittelt aber auch grundlegende Einsichten über das Leben. Zwei Erkenntnisse begegnen uns dort immer wieder: dass sich alles ständig verändert und dass nichts für immer bleibt. Veränderung und Vergänglichkeit sind feste Bestandteile der Natur – und damit auch unseres eigenen Lebens. Wer diese Prozesse erlebt und akzeptiert, entwickelt Gelassenheit und lernt, den gegenwärtigen Moment bewusster wahrzunehmen.

Wildniserfahrungen fördern außerdem Selbstvertrauen und einen bewussteren Umgang mit Unsicherheit. In einem sicheren Rahmen können Kinder und Erwachsene erleben, wie sich ihre Wahrnehmung verändert, wenn sie sich auf ihre Sinne verlassen und Herausforderungen meistern. Solche intensiven Erfahrungen bleiben oft lange in Erinnerung und stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Entscheidend ist jedoch, dass Naturverbindung nicht durch ein einmaliges Erlebnis entsteht. Es braucht regelmäßige Erfahrungen und ein unterstützendes Umfeld – in Familien, Bildungseinrichtungen und der Gesellschaft. Erst dann kann Naturverbundenheit zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags werden und ihre positiven Wirkungen langfristig entfalten.

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Herbstfest in der Wildnisschule und weitere Einblicke in die Arbeit im hohen Fläming. Fotos © Geertje Marquardt und Jan Sobotka.

Wie kann das Erleben von StadtWildnis oder auch Wildnis zur Stärkung innerer Sicherheit oder Resilienz beitragen, gerade in Zeiten von Krisen und Entfremdung?

Naturerfahrungen können Menschen helfen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen – im ganz wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Voraussetzung ist dabei Sensibilität. Nicht jede Erfahrung ist für alle gleich zugänglich, insbesondere für Menschen mit Flucht- oder Traumaerfahrungen. Was für manche spielerisch ist, kann für andere überfordernd sein. Wildnispädagogik arbeitet deshalb nicht mit Konfrontation, sondern mit Achtsamkeit und freiwilliger Annäherung.

Resilienz entsteht dort, wo Menschen erfahren: Ich komme zurecht. Nicht, weil alles kontrollierbar ist, sondern weil ich mich orientieren, improvisieren und mir selbst vertrauen kann. In der Natur – auch in der Stadt – lernen wir, mit wenig auszukommen, Lösungen zu finden und auf unsere Wahrnehmung zu hören. Diese Erfahrung stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Ein wichtiger Aspekt ist dabei das Erleben von Sicherheit an Orten, die gesellschaftlich oft als „gefährlich“ gelten. Viele Menschen haben große Angst vor Dunkelheit, Wald oder Abgeschiedenheit – obwohl dort objektiv meist wenig passiert. Wer lernt, diese Räume differenziert wahrzunehmen, kann Ängste neu einordnen. Kinder verstehen das oft erstaunlich schnell.

Darüber hinaus vermittelt Natur eine grundlegende Erfahrung von Zugehörigkeit. Wer draußen unterwegs ist, merkt immer wieder: Ich bin einer von vielen. Teil eines größeren Gefüges, das sich ständig verändert. Dieses Gefühl, einen Platz zu haben, auch in einer komplexen, widersprüchlichen Welt, macht widerstandsfähiger gegen äußere Krisen.

Natur bietet außerdem einen wertfreien Raum. Sie bewertet nicht, fordert keine Leistung, stellt keine Erwartungen. Viele Menschen empfinden es als entlastend, einfach da sein zu dürfen. Diese Erfahrung fördert Selbstreflexion: Wie wirke ich? Welche Spuren hinterlasse ich? Was brauche ich gerade wirklich?

Resilienz entsteht so nicht durch Abschottung, sondern durch Verbindung – zu sich selbst, zu anderen und zur Mitwelt. Diese Verbindung ist nicht verloren, sondern jederzeit wieder zugänglich. Sie braucht nur Raum, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich einzulassen.

Du hast auf deinen Reisen indigene Völker besucht. Was können wir als Gesellschaft von traditionellen Naturvölkern oder indigenen Lehransätzen in Bezug auf unseren Umgang mit der Natur lernen?

Ich glaube, wir können viel von indigenen Kulturen lernen. Nicht, weil sie „besser“ wären, sondern weil sie über Generationen hinweg ein tiefes Wissen über ihre Landschaften entwickelt haben. Dieses Wissen verbindet genaue Naturbeobachtung mit einer Haltung des Respekts und der Verbundenheit. Gleichzeitig sollten wir es nicht romantisieren: Auch indigene Gesellschaften treffen pragmatische Entscheidungen, die aus ihren jeweiligen Lebensbedingungen entstehen.

Für mich ergänzen sich wissenschaftliches und indigenes Wissen hervorragend. Die Wissenschaft hilft uns, ökologische Zusammenhänge immer genauer zu verstehen. Indigene Perspektiven erinnern uns daran, dass wir Teil dieser Zusammenhänge sind und dass nicht alles messbar oder vollständig erklärbar sein muss. Gerade das Staunen und die Bereitschaft, auch das Nichtwissen auszuhalten, sind wichtige Voraussetzungen für echtes Lernen.

Sehr geprägt haben mich zwei Bücher: Geflochtenes Süßgras von Robin Wall Kimmerer, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse mit indigener Weltsicht verbunden werden, und Die Philosophie der Wildnis von Baptiste Morizot. Beide zeigen auf unterschiedliche Weise, dass Natur nicht nur ein Objekt der Forschung ist, sondern ein Raum, zu dem wir Beziehungen aufbauen können.

Letztlich braucht es beides: wissenschaftliche Präzision und eine Haltung der Verbundenheit. Nur wenn wir Natur nicht als etwas Getrenntes von uns begreifen, sondern als Lebensgrundlage, mit der wir in Beziehung stehen, können wir langfristig verantwortungsvoll mit ihr umgehen. Dafür braucht es nicht nur persönliches Engagement, sondern auch gesellschaftliche und politische Unterstützung.

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Die Wildnisschule Hoher Fläming von oben.

Warum sind Fragen in der Naturbildung oft wichtiger als Antworten?

Gute Fragen erweitern unsere Wahrnehmung. Sie machen uns neugierig und helfen uns, Zusammenhänge immer wieder neu zu entdecken. Mir geht das selbst nach über zwanzig Jahren Naturbeobachtung noch so: Plötzlich fällt mir etwas auf, das ich vorher nie hinterfragt habe und schon eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf die Welt. Mit jeder neuen Frage wächst mein Verständnis.

Deshalb sehe ich meine Aufgabe als Naturpädagoge nicht darin, möglichst viele Antworten zu liefern, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst Fragen entwickeln können. Denn Fragen können Neugier entfachen, Selbstvertrauen stärken und dazu einladen, die Welt eigenständig zu erkunden.

Natürlich brauchen Menschen auch Orientierung und manchmal Motivation. Entscheidend ist aber, dass Lernen nicht von Angst vor Fehlern geprägt ist, sondern von Freude am Entdecken. Wer erlebt, dass Fragen willkommen sind und Unsicherheit kein Mangel, sondern der Anfang von Erkenntnis ist, entwickelt eine Haltung, die weit über das Lernen in der Natur hinausreicht.

Geschichten sind ein zweites starkes Lehrmittel in deiner Arbeit. Was kann eine gut erzählte Geschichte, was reine Informationen nicht kann?

Geschichten laden Menschen ein, selbst Erfahrungen zu machen und ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Sie schaffen genug Freiraum, damit jede und jeder genau das mitnimmt, wofür sie oder er gerade offen ist. Gerade deshalb können Geschichten oft mehr bewirken als reine Wissensvermittlung.

Gute Geschichten berühren, inspirieren und bleiben im Gedächtnis. Sie machen Zusammenhänge lebendig und ermöglichen es, komplexe Themen verständlich zu vermitteln, ohne sofort in richtig oder falsch einzuteilen. Natürlich können Geschichten auch manipulieren oder missbraucht werden, deshalb kommt es darauf an, welche Geschichten wir erzählen und welche Werte sie transportieren.

Für mich sind Geschichten ein Weg, Menschen für Natur zu begeistern und sie in ihrer Wahrnehmung zu stärken. Erfahrungen und Erlebnisse lassen sich durch Geschichten vertiefen und einordnen. Sie helfen uns zu verstehen, wie wir mit Herausforderungen umgehen, welche Spuren wir hinterlassen und wie wir Teil der Welt sind. Gute Naturbildung vermittelt deshalb nicht nur Wissen, sondern erzählt Geschichten, die Neugier wecken, Selbstvertrauen stärken und Lust machen, die Welt mit offenen Augen zu entdecken.

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Das Spitzhaus von oben und das Spitzhaus mit Aussicht auf die Feuerstelle.

Welche besondere Anekdote aus deiner Arbeit möchtest du gerne mit uns teilen?

Da gibt es viele. Aber als Erstes fällt mir eine Schulklasse ein, die ich vier Jahre lang begleitet habe – von der siebten bis zur zehnten Klasse, mit jeweils zwei Wildnisfahrten pro Jahr in Brandenburg. Anfangs waren die Schülerinnen und Schüler wenig begeistert. Während andere Klassen auf Sprach- oder Kunstreisen fuhren, ging es für sie in die Wildnis. Die Abschlussfahrt führte schließlich nach Schweden, wo die Jugendlichen in Kleingruppen eine Nacht allein auf kleinen Inseln verbrachten. Der Weg dorthin war jedoch lang und nicht immer einfach.

In der Klasse gab es zwei Jungen, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Der eine, nennen wir ihn Max, war durch eine einseitige Lähmung körperlich eingeschränkt, gleichzeitig aber sehr reflektiert und lernte ausgesprochen schnell. Der andere, Maurice, war ein Inklusionsschüler mit Lernschwierigkeiten. Er kompensierte seine Unsicherheiten häufig mit provokanten Sprüchen, war körperlich jedoch sehr geschickt. Die beiden gerieten immer wieder aneinander.

Während einer Wildnisfahrt machten wir Gleichgewichtsübungen auf einem Baumstamm. Für Max war das eine große Herausforderung, während Maurice die Aufgabe spielend meisterte. Später beobachtete ich zufällig eine Szene, ohne dass die beiden mich bemerkten. Maurice balancierte zunächst allein über den Baumstamm und hatte sichtlich Freude daran. Kurz darauf kam Max mit seinem Wanderstock und begann, für sich zu üben. Dann kehrte Maurice zurück. Ich erwartete schon einen flapsigen Kommentar. Stattdessen ging er schweigend auf Max zu, reichte ihm die Hand und begleitete ihn sicher über den Baumstamm. Anschließend ließ er ihn wieder los und beide gingen wortlos auseinander.

Niemand hatte diese Geste gesehen oder gelobt. Maurice tat es nicht, um Anerkennung zu bekommen, sondern ganz selbstverständlich, weil ihm die Aufgabe leichtfiel und er merkte, dass Max Unterstützung brauchte.

Solche Momente bleiben mir im Gedächtnis. Zu erleben, wie Jugendliche in einem Alter, in dem vieles von Konkurrenz und Unsicherheit geprägt ist, füreinander einstehen, sich öffnen und echte Verbundenheit zeigen, ist etwas Besonderes. Das sind die Momente, in den ich weiß, warum ich das mache.

Was wünschst du dir für die Zukunft der Wildnispädagogik?

Ich wünsche mir, dass Naturverbundenheit zu etwas Selbstverständlichem wird in Kitas, Schulen und letztlich im Alltag aller Menschen. Es braucht dafür keine großen Abenteuer. Oft reichen schon kleine Momente: Etwas Interessantes entdecken und der Neugier folgen, anstatt sofort weiterzugehen. Einfach einmal 30 Sekunden einer Spur folgen und beobachten, wohin sie führt. Oder an der Bushaltestelle für einen kurzen Moment die Augen schließen, bewusst zuhören und sich fragen: Was ist das leiseste Geräusch, das ich gerade wahrnehmen kann? Solche kleinen Übungen helfen, die Aufmerksamkeit wieder auf die Natur um uns herum zu richten selbst mitten in der Stadt.

Wenn wir diese Momente regelmäßig in unseren Alltag integrieren, entsteht Schritt für Schritt eine tiefere Verbindung zur Natur. Schon eine Minute bewusste Naturverbindung am Tag kann langfristig den Blick auf die Welt verändern und neue Perspektiven eröffnen. Es geht nicht darum, jeden Tag stundenlang draußen zu sein, sondern immer wieder innezuhalten und die Natur bewusst wahrzunehmen, auf dem Schulweg, im Park oder mitten in der Stadt.

Naturverbundenheit löst nicht alle Probleme und heilt nicht jede Verletzung. Aber sie kann dazu beitragen, dass wir die Natur wieder als Teil unseres Lebens begreifen und damit auch bewusster mit uns selbst und unserer Umwelt umgehen.

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