Eine Wildkatze blickt hinter einem moosbewachsenen Baumstumpf hervor in einem Wald mit grünem Hintergrund.
Interviews, 22. Juli 2025

6 Minuten

Aus der großen Wildnis: Wildnis kommunizieren

Wildnis braucht Kommunikation, denn: Nur, wer versteht und vor allem auch fühlt, weshalb wilde Gebiete auf unserer Erde wichtig sind, wird Wildnis auch befürworten. Die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg – Die Wildnisstiftung engagiert sich seit 25 Jahren mit eigenen Flächen und viel Expertise für große Wildnisgebiete in Deutschland – und leistet wichtige Kommunikationsarbeit. Anika Niebrügge, Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, weiß, worauf es bei der Kommunikation zu wilden Gebieten ankommt.
Frau mit braunen Haaren und grünem Poloshirt mit Aufschrift Die Wildnis Stiftung steht vor einem See mit Wald im Hintergrund.
Anika Niebrügge, Foto © Die Wildnisstiftung
Anika Niebrügge ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Wildnisstiftung. Wildnis begleitet sie seit vielen Jahren und ist ein echtes Herzensthema. Schon im Philosophiestudium beschäftigte sie sich mit Argumenten für Wildnis, die auch in der täglichen Kommunikationsarbeit immer wieder gefragt sind. Sie ermöglicht Spender:innen, sich für Wildnis zu engagieren und erhält durch die Organisation der BfN-Fachtagung Wildnis im Dialog spannende Einblicke in die aktuelle Wildnisdiskussion.

Welche Kommunikationsziele verfolgt die Wildnisstiftung aktuell?

Wir möchten Menschen für die Wildnis und ihre Bewohner begeistern, Wissen über das Ökosystem Wildnis vermitteln und das Bewusstsein für den Schutz wilder Gebiete stärken. Dabei ist uns wichtig, nicht nur mit sachlichen Argumenten zu überzeugen, sondern auch eine emotionale Bindung zur Wildnis aufzubauen – denn so fördern wir langfristig Akzeptanz und Engagement. Für die Menschen im Umfeld unserer Wildnisgebiete sind wir außerdem persönliche Ansprechpartner:innen. Auch den Expert:innen-Austausch fördern wir: etwa durch die jährlich stattfindende Fachtagung „Wildnis im Dialog“, die wir für das Bundesamt für Naturschutz organisieren. Und wir möchten natürlich mit unserer Kompetenz für Wildnisentwicklung und Naturschutz in Öffentlichkeit, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weiterhin sichtbarer werden.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich in der Wildniskommunikation konfrontiert?

Zu den größten – auch kommunikativen – Herausforderungen zählen Waldbrände in unseren Wildnisgebieten. Weitere schwierige Themen sind etwa illegale Befahrung, Vandalismus an unseren Besuchereinrichtungen sowie Skepsis und Vorurteile gegenüber Wildnis.

Landschaft mit blühender lila Heide, einzelnen Bäumen und sandigen Hügeln unter blauem Himmel.
Foto © Dr. Tilo Geisel

Was sollte Ihrer Erfahrung nach in der Kommunikation rund um Wildnis unbedingt beachtet werden?

Essentiell ist, Begeisterung und eine emotionale Verbindung zu schaffen. Dafür braucht es eine zielgruppengerechte Kommunikation, die auch auf Vorurteile eingeht und gleichzeitig die Schönheit sowie den Wert von Wildnis greifbarer macht. Außerdem ist Transparenz entscheidend: über Ziele, Prozesse und Nutzen der Wildnisgebiete. Kommunikation und Dialog müssen auf Augenhöhe mit lokalen Akteuren und Anwohnenden sowie verschiedenen Interessensgruppen stattfinden – und auch andere Perspektiven Gehör und Akzeptanz finden.

Ganz wichtig ist insbesondere bei großen Gebieten, vor Ort Gesicht zu zeigen, um Fragen und Ängsten direkt begegnen zu können und ein vertrauensvolles Miteinander zu festigen. Hierfür leisten bei der Wildnisstiftung auch die Mitarbeiter:innen unserer Außenstellen sehr wichtige Kommunikations- und Bildungsarbeit.

Welche Kanäle, Formate oder Botschaften sind für die Wildniskommunikation am wirksamsten?

Aus unserer Erfahrung eine Mischung aus digitaler Kommunikation, Pressearbeit, Veranstaltungen vor Ort und Umweltbildung. Besonders wirksam sind Formate, die Wildnis direkt erlebbar machen, wie Exkursionen, interaktive Ausstellungen oder digitale Erlebnisangebote.

Die Zielgruppen im Umfeld unserer Wildnisflächen sind vielfältig. Viele nutzen bereits Social Media, daher sind wir auch auf Instagram aktiv und auch die Zahl unserer Newsletter-Abonennt:innen wächst beständig. Nach wie vor sind aber auch Printprodukte für die Kommunikation vor Ort nicht zu vernachlässigen. Viele Menschen lesen weiterhin regelmäßig die gedruckte Tageszeitung oder auch kostenfreie Anzeigenzeitschriften, die man zum Beispiel zur Ankündigung von Veranstaltungen gut nutzen kann.

Eine Gruppe von Menschen mit Rucksäcken wandert auf einem schmalen Pfad durch einen bewaldeten Bereich mit grünen und herbstlich gefärbten Bäumen.
Foto © Dr. Tilo Geisel

Welche zentralen Botschaften sollte die Kommunikation zu Wildnis beinhalten?

Zentrale Botschaften sind die Schönheit und Einzigartigkeit der Wildnis, ihre Bedeutung für die biologische Vielfalt und den Klimaschutz sowie die Chance, Naturprozesse unmittelbar zu beobachten. So wird klar, dass Wildnis nicht nur für die Natur gut ist, sondern auch eine ganz wichtige Funktion für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen hat. Ein Beispiel: Nur in wilden Gebieten können wir lernen, wie die Natur sich nach großen Herausforderungen wie Waldbränden und Trockenheit ohne menschliche Eingriffe regeneriert. Von diesen Erkenntnissen profitieren wir langfristig alle – denn ohne intakte Natur ist das Leben auf der Erde nicht möglich.

Erleben Sie Unterschiede in der Ansprache von städtischem und ländlichem Publikum? Und wenn ja, wie begegnen Sie diesen?

Ja, es gibt Unterschiede: Menschen, die auf dem Land leben, haben oft einen anderen, direkteren Bezug zur Landschaft und zur Nutzung von Flächen, sie sind ja dort zuhause. Menschen aus der Stadt sind oft eher in der „Besucher:innen-Rolle“, sie nehmen Wildnis als Erholungsraum oder Abenteuer wahr. Die Stiftung begegnet diesen Unterschieden mit angepassten Kommunikationsstrategien: In ländlichen Regionen werden stärker lokale Erlebnismöglichkeiten vermittelt und die Wahrnehmung von Wildnis als Teil der regionalen Identität und Wertschöpfungskette gefördert. Für Besucher:innen aus den Städten heben wir den Erlebnis- und Erholungswert hervor. Oft bringen Städter:innen auch eine Faszination oder ein Spezialinteresse an bestimmten Tierarten mit – wie zum Beispiel dem Wolf.

Welche Rolle spielen Emotionen in Ihrer Kommunikation über Wildnis

Emotionen spielen eine zentrale Rolle! Begeisterung, Faszination und persönliche Naturerlebnisse sind Schlüsselfaktoren, um Menschen für Wildnis zu gewinnen und langfristig zu binden. Für die emotionale Ansprache sind in der schriftlichen Kommunikation auch Fotos und Videos aus den Wildnisgebieten sehr wertvoll.

Mit unseren fachlichen Zielgruppen wie Forschungs- und Projektpartnern und den Teilnehmenden von Fachkonferenzen ist die Kommunikation natürlich eher sachlich geprägt. Aber auch hier ist es immer wieder wichtig, mit der Natur in Verbindung zu bleiben, den Funken überspringen zu lassen und damit die Motivation zu stärken. Daher binden wir in unsere Fachkonferenzen und -projekte auch immer Exkursionen und ganz konkrete Praxisbeispiele ein.

Kleine Kiefern auf einer offenen, moosigen Fläche bei Sonnenaufgang mit buntem Himmel und vereinzeltem Nebel.
Foto © Dr. Tilo Geisel

Wie begegnen Sie Vorteilen wie Wildnis sei „nutzloser Raum“?

Wir entkräften dieses Vorurteil, indem wir den Wert von Wildnis greifbar machen und ihren grundlegenden ökologischen, gesellschaftlichen und klimatischen Nutzen zeigen. Wir vermitteln ein Bewusstsein für Wildnis als Lebensraum für seltene Arten, Rückzugsort für die Natur und wichtiger Bestandteil der Wildtierkorridore und Lebensadern der Erde. Mit unseren Naturerlebnisangeboten zeigen wir, wie wichtig Wildnisgebiete als Erholungs- und Erlebnisräume für uns Menschen sind – sowie als Lernort, der zeigt, wie sich die Natur auf unserem Planeten resilient weiterentwickeln kann.

Welche drei „Lessons learnt“ möchten Sie anderen Akteuren für die Kommunikation über Wildnis mitgeben?

Emotionale Bindung ist der Schlüssel: Menschen schützen, was sie lieben und erleben können.

Transparente, dialogorientierte Kommunikation schafft Vertrauen und Akzeptanz, insbesondere im Umgang mit Vorbehalten und unterschiedlichen Interessengruppen.

Kooperationen und Netzwerke stärken die Wirkung und Reichweite der Wildniskommunikation und helfen, Synergien zu nutzen.

Wanderweg mit lila blühender Heide in einem Waldgebiet, rechts steht ein hölzernes Informationsschild.
Foto © Dr. Tilo Geisel

Möchten Sie uns noch etwas mitteilen, das wir Sie nicht gefragt haben?

Wildnis begreife ich nicht nur als Naturschutzaufgabe, sondern als Sicherung unserer Lebensgrundlagen und sinnstiftende Herzensangelegenheit. Daher ist es mir auch wichtig, eine ganz persönliche Verbindung zur Wildnis herzustellen. Die Freiheit der Natur in Wildnisgebieten inspiriert mich und ich finde es unglaublich spannend, wie die Natur sich ganz ohne menschliche Eingriffe weiterentwickelt und immer wieder neue Lebensräume und Arten hervorbringt. Auch unseren Spender:innen möchte ich anbieten, an diesem faszinierenden Prozess teilzuhaben, Spuren für die Zukunft zu hinterlassen und Wildnis für kommende Generationen zu sichern.