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Interviews, 22. April 2026
Mehr Wildnis für die Stadtplanung der Zukunft, bitte!
Wie eine Forscherin in Stuttgart ihren Studierenden die Rolle von urbaner Wildnis in der Stadtplanung näherbringt

Leonie Fischer, Foto © Boris Miklautsch, Werkstatt für Photographie, Universität Stuttgart.
Prof. Dr. Leonie Fischer, ist Institutsleiterin am
Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Uni Stuttgart.
Sie forscht dazu, wie Städte zu gemeinsamen Lebensräumen für Menschen, Tiere und Pflanzen werden können. Ihr Fokus liegt auf der Ökologie urbaner und vom Menschen geprägter Räume – von tropischen Regionen bis hin zu europäischen Städten. Dabei verbindet sie ökologische Forschung mit Fragen der Wahrnehmung und Gestaltung von Stadtnatur. Im Studio „Wild Cities“ überträgt sie diesen Ansatz in die Lehre und entwickelt mit Studierenden neue Perspektiven für eine multispeziesorientierte Stadtentwicklung.
Was verstehen Sie unter Wild Cities und was auch nicht?
Vor allem, dass es ein Konzept ist, was wir vielleicht schon ganz lange irgendwo schlummern haben – in der Landschaftsplanung, in der Landschaftsarchitektur, in der Gestaltung von Gärten gibt es überall Ansätze, wie wir Natur mit in unsere menschlichen Lebensräume nehmen, aber es wurde einfach ganz oft noch nicht so thematisiert.
Wild Cities bedeuten für mich, dass es nicht einfach nur grün ist, also irgendein kurz geschnittener Rasen, um ein Beispiel zu nennen, sondern mehr als das.
Wild Cities, „Rewilding“ oder Natur in der Stadt generell sollte man nicht pauschal mit „ungepflegten Grünflächen“ gleichsetzen: Es geht auch sehr viel darum, wie man Management und Pflege in öffentlichen oder in privaten Grünflächen einsetzen kann, um „wilderer Natur“ einen Rahmen zu geben – denn das fördert auch die Akzeptanz von Menschen vor Ort.
Warum ist es aus ihrer Sicht wichtig, Wildnis nicht nur als Gegenpol zur Stadt, sondern als Teil urbaner Systeme zu denken?
Zum einen geht es darum, dass wir wirklich auch Naturerfahrung in der Stadt ermöglichen. Und das ist immer schwieriger, weil immer mehr Menschen in Städten leben. Die Anzahl an Menschen, die Natur nur noch in der Stadt erleben, ist größer geworden und wird weiter steigen.
Und zum anderen werden Flächen in der Stadt verdichtet – und durch diese Innenverdichtung steht weniger Platz für Natur zur Verfügung. In der Folge spielen Grünflächen per se eine wichtige Rolle für Menschen: Hier können sie Kontakt zur Natur haben. Für mich sind wilde Naturelemente ganz klar kein Gegensatz zur Stadt. Es gibt natürlich Orte in Städten, an denen wir wildere Natur und Urbanes nicht so gut verbinden können – beispielsweise in historischen Gärten oder Parks, in denen genau mit diesem Gegenpol aus Stadt und Natur gespielt wird.
Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir Städte so aufbereiten und planen, dass sie „zukunftstauglich“ sind und auch mit den noch kommenden Klimaveränderungen lebenswert bleiben oder sogar noch lebenswerter werden. Da spielt wildere Natur eine wichtige Rolle.
Und dann ist noch ein weiterer Punkt zentral: Die Natur hat einen Wert, der völlig unabhängig von ihrem Nutzen für den Menschen besteht. Das haben wir ganz klar im Bundesnaturschutzgesetz geregelt. Und diesen Grundsatz sollten wir auch in unseren Städten und ihrer Gestaltung befolgen, indem wir der Natur mehr Raum für ihre Entwicklung geben.
Wo sehen Sie die größten Spannungen zwischen gestalterischem Anspruch und dem Zulassen von Wildnis?
Ich glaube nicht, dass immer Spannungen da sind in der Akzeptanz oder in der Gestaltung. Es existiert bereits Austausch und Voneinander-Lernen, aber davon brauchen wir noch mehr.
Wir wissen inzwischen, dass häufig sehr einfache Maßnahmen ausreichend sind, um sowohl dem gestalterischen Anspruch als auch Wildnis in der Stadt gerecht zu werden: Ein Beispiel dafür ist der Mahdstreifen, der eine wild wachsende Wiese am Rand begrenzt. Die Menschen merken so: Hier wird sich drum gekümmert, da wird gepflegt, da wird drauf aufgepasst – diese Fläche ist nicht verwahrlost, sondern die Wildnis auf ihr ist bewusst gewollt. Schon solche kleinen Beispiele können sehr positive Auswirkungen haben.
Welchen besonderen Mehrwert haben Ihre Studierenden durch die Beschäftigung mit dem Thema Wild Cities?
Wir haben Studierende aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, aus unterschiedlichen Fachrichtungen. In den Bereichen Architektur und Stadtplanung haben wir in den letzten Semestern einen Schwerpunkt auf Wild Cities gelegt und dabei an genau dieser Schnittstelle überlegt: Wie können wir Räume so gestalten, dass sie nicht nur für den Menschen förderlich sind, sondern auch für Tiere und Pflanzen? Eine zentrale Frage dabei war, welche Rollen unterschiedliche Tiere und Pflanzen jeweils für ihr Ökosystem spielen – und wie wir mit ihnen Lebensräume so aufwerten können, dass nicht nur der Mensch davon profitiert. Solche Fragestellungen sind gerade für Architekturstudierende relativ neu. Ansätze wie "More than human perspectives“ und „Animal aided design” stoßen bei unseren Studierenden auf reges Interesse.
Einblicke in die Projekte der Studierenden des Winterstudios "Wild Cities: Shared Landscapes for People and Nature in Stuttgart" vom Institut für Landschaftsplanung der Universität Stuttgart. Weitere Informationen finden Sie dazu hier.
Wie reagieren Studierende auf die Idee, auch das Nichteingreifen als bewusste Gestaltungsmöglichkeit zu verstehen?
Es geht häufig darum, Flächen als Ganzes zu verstehen, auch ihre Geschichte. Wie hat sich eine Fläche mit der Zeit entwickelt? Wenn Studierende das passende Basiswissen haben, um die Potenziale zu identifizieren, mit denen man weiterarbeiten kann, dann baut sich häufig auch ein ganzheitliches Verständnis auf.
In unseren Veranstaltungen gibt es generell keine Ablehnung – denn wer sich dafür beworben hat, hat natürlich auch Interesse an dem Thema. Aber es gibt trotzdem häufig sehr viel Dynamik in den Gruppendiskussionen.
Welche Kompetenzen müssten zukünftige Planer:innen entwickeln, um mit mehr „Unordnung“ und „Nichtkontrolle“ umgehen zu können?
Vor allem das ökologische Wissen, das nicht in allen Planungsdisziplinen gelehrt wird. Ich plädiere außerdem klar dafür, im Studium viel rauszugehen, sich Orte anschauen, etwas anzufassen. Draußen ist die Wärme, die man auf einmal spürt, oder den Regen, den man mitbekommt, wenn schlechtes Wetter ist, das ist der Wind, da sind die Düfte, die die Vegetation hat – das alles ist Naturerfahrung, die auch in der Lehre eine wichtige Rolle spielen sollte.
Zu Beginn unserer Kurse geben wir den Studierenden gerne die Aufgabe, mal besonders auf Geräusche zu achten und diese auch aufzunehmen. Oft sagen sie dann hinterher: Das haben wir so in den letzten Jahren einfach nie wahrgenommen. Sie laufen danach mit einem anderen Blick durch den Park, zur Arbeit, zur Uni und so weiter. Das bewirkt bereits viel.



