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Interviews, 12. Mai 2026

5 Minuten

Mehr Wildnis für die Stadtplanung, bitte! – Teil 2

Wie eine Forscherin in Stuttgart ihren Studierenden die Rolle von urbaner Wildnis in der Stadtplanung näherbringt
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Leonie Fischer, Foto © Boris Miklautsch, Werkstatt für Photographie, Universität Stuttgart.

Prof. Dr. Leonie Fischer ist Institutsleiterin am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Uni Stuttgart. Sie forscht dazu, wie Städte zu gemeinsamen Lebensräumen für Menschen, Tiere und Pflanzen werden können. Ihr Fokus liegt auf der Ökologie urbaner und vom Menschen geprägter Räume – von tropischen Regionen bis hin zu europäischen Städten. Dabei verbindet sie ökologische Forschung mit Fragen der Wahrnehmung und Gestaltung von Stadtnatur. Im Studio „Wild Cities“ überträgt sie diesen Ansatz in die Lehre und entwickelt mit Studierenden neue Perspektiven für eine multispeziesorientierte Stadtentwicklung.

Das ist Teil zwei des Interviews. Teil eins gibt's hier.

Wie kann urbane Wildnis zur sozialen Gerechtigkeit in Städten beitragen oder wo liegen hier auch Risiken?

Das ist eine ganz wichtige Frage, die wir uns zunehmend stellen müssen und die generell auch mehr ins Bewusstsein gerät. Menschen, die sozial weniger gut gestellt sind, haben oft auch weniger Zugang zu qualitativ hochwertigen Grünflächen. Dazu gibt es inzwischen auch eine Reihe an Studien, die das belegen. Das heißt, es muss klar in den Fokus rücken, dass wir für eine bessere Verteilung von Grün in der Stadt sorgen. Die Herausforderung ist, dass wir stetig steigenden Nutzungsdruck haben. Also ist da, wo viele Menschen leben, der Druck auf die Frei- und Grünflächen noch größer. Dort ist es dann besonders wichtig, das, was an Grünfläche da ist, in einem guten Zustand zu erhalten und insbesondere in solchen Stadtteilen möglichst nicht weiter zu verdichten.

Was verstehen Sie unter einer qualitativ hochwertigen Grünfläche im urbanen Raum?

Wir haben gerade eine Studie abgeschlossen, darin ging es um Spielplätze und Biodiversität. Wir haben herausgefunden, dass Spielplätze mit einer höheren Artenvielfalt, vor allem im Gehölzbestand, mit einem höheren Wohlbefinden der Kinder gekoppelt sind. Und das ist eine ganz klare Handlungsanweisung:
Nicht nur einen Rasen und eine Baumreihe aus einer Baumart auf der Fläche pflanzen. Vielleicht gibt es stattdessen einen Teil der Fläche, der etwas weniger intensiv gepflegt werden kann? Sind die Jahreszeiten auf der Fläche erlebbar? Es gibt auch Beispiele von Gehölzen, die bunte Früchte haben, die den Winter über noch zu sehen sind. Und so kann man ästhetische Aspekte, die unsere Kinder und uns Menschen generell ansprechen, wunderbar verbinden mit einer besseren Qualität für die Natur.

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Die Abbildung aus genannter Studie zeigt das Untersuchungsgebiets in Stuttgart: (a) Stuttgart in Deutschland; (b) die 29 untersuchten Spielplätze in den fünf Innenstadtbezirken Stuttgarts, sowie Beispiele für untersuchte Spielplätze mit (c) hoher und (d) geringer Artenvielfalt. Entnommen aus: Guenat, S., & Fischer, L. K. (2026). Playground tree diversity: A driver of well‐being in preschool children. People and Nature.

Woran scheitert aus Ihrer Sicht die Umsetzung in der Praxis?

Oft kommen Architektur und räumliche Planung dort zum Zug, wo investiert wird. Es sind häufig Firmen beteiligt, deren Interesse vorrangig in anderen Bereichen als in der Stadtwildnis und deren Artenvielfalt liegen. Andererseits braucht es immer eine Weile, bis Empfehlungen wirklich in der Praxis ankommen. In der Ausbildung wiederum ist es oft schwierig, noch mehr unterzubringen, da der Lernstoff ja sowieso schon intensiv ist. Da wären Ausbildungen für Fachpersonal in genau diesen Bereichen sinnvoll. Auch die Art der Auftragsvergabe ist oft ein Problem. Häufig gilt die Devise: Das günstigste Angebot wird beauftragt. Darunter leidet teilweise die Qualität. In der Umsetzung gibt es teilweise Unwissen beim Personal oder einfach auch Zeitdruck – dann ist die wichtigere Frage nicht, was die beste Maßnahme ist, sondern, was einfacher und schneller umzusetzen ist. Es hängt also oft an den Budgets. Aber: Es gibt natürlich Beispiele, wo gleichzeitig ästhetisch und ökologisch sinnvoll gehandelt wird. Wir können also auch anders!

Inzwischen gibt es zum Beispiel viele Büros, Städte beziehungsweise Stadtverwaltungen, die zum Beispiel naturbasierte Lösungen in ihre Planungen einbeziehen. Es hat sich durchaus Positives entwickelt in den letzten Jahren.

Was möchten Sie Kommunen, Initiativen oder Projekten wie UrbanWild mitgeben, die StadtWildnis sichtbar, vermittelbar und erfahrbar machen wollen?

Ich habe den Eindruck, dass es eigentlich viele tolle Beispiel für Umsetzungen gibt, dass wir aber generell zu wenig Austausch dazu haben. Oft reden wir eher darüber, was nicht so gut funktioniert als darüber, was gut funktioniert. Menschen müssen erleben und sehen, was funktioniert. Für diesen Austausch fehlt oft die Zeit. Kurz gesagt: Wir brauchen mehr „Drüber-Reden“ – und gutes Bildmaterial, das zeigt, was möglich ist. Nicht jede Kommune, jede Initiative oder jedes Projekt muss alleine das Rad neu erfinden!

Ein Beispiel dafür ist auch die Frage, was sich nach der Umgestaltung von Flächen in der Pflege ändert, zum Beispiel bei Wiesen. Oft wird diskutiert, was mit dem Mahdgut von extensiv gepflegten Wiesen passiert. Anfangs hatte man ja noch gedacht, ah super, hier muss nur zweimal im Jahr gemäht werden, das reduziert die Kosten. Das ist aber letzlich nicht unbedingt so, weil eben auch viel Hundekot und Müll im Mahdgut ist. Wie muss ich das entsorgen? Zu solchen praktischen Dingen braucht es das mit- und voneinander Lernen.

Möchten Sie uns noch etwas mitgeben, was wir Sie nicht gefragt haben?

Direkte Naturinteraktion finde ich ganz wichtig, also dass Menschen einfach das Wilde in der Stadt auch erleben können, dass sie es anfassen können, dass sie es hören können. Und auf der anderen Seite ist der ästhetische Anspruch ebenso sehr relevant. Auf ein gutes Zusammenspiel aus beidem kommt es an – das möchte ich gerne nochmal betonen.

Den ersten Teil verpasst? Kein Problem, den gibt es hier.

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